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HZ_40_2014

Seite 958 · Nummer 40 · Holz-Zentralblatt Forstwirtschaft Donnerstag, 2. Oktober 2014 »Eine Situation wie bei Ebola gilt es zu verhindern!« Infotag: Waldbesitzerverband Sachsen-Anhalt fordert Möglichkeiten für einen konsequenten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln Am 17. September hatte der Waldbesitzerverband Sachsen- Anhalt zur Informationsveranstaltung „Walderhaltung durch Pflanzenschutz“ auf eine kahlfraßgeschädigte Fläche im Wald von Kenzendorf bei Gardelegen (OT Letzlingen) eingeladen. Vor dem Hintergrund der (bundes)behördlichen Blockierung des Pflanzenschutzes, die den im Zuge des Klimawandels verstärkt auftretenden Schadinsekten und Pilzen ein ungehindertes Ausbreiten ermöglicht, haben rund 150 aufgebrachte Waldbesitzer die Veranstaltung genutzt, um aus einer existenzgefährdenden Lage einen akuten Hilferuf an die Politik zu richten. ach der Darstellung der dramatischen Situation durch Experten und Betroffene sprachen N sich anwesende Bundestagsabgeordnete von CDU/CSU, SPD und der Linken sowie das Fachreferat im Bundeslandwirtschaftsministerium für eine Lösungsfindung noch vor Ablauf dieses Jahres aus. Nicht weniger als 94 ha ist die zusammenhängende Fläche nahe Gardelegen groß, auf der 2009 der gesamte Kiefernbestand von der Kiefernbuschhornblattwespe (Diprion pini) kahlgefressen und im Folgejahr durch einen Pilz (Sphaeropsis sapinea) zum Absterben gebracht worden war. Notwendige Folge waren Kahlschlag und der Beginn einer langwierigen Wiederaufforstung. Dieser Ort diente den Waldbesitzern als geeignete Kulisse, um vor Presse und Politikern mit deutlichen Worten und teilweise drastischen Vergleichen auf die offensichtlichen Missstände hinzuweisen, die auf Bundesebene hinsichtlich fachlicher Kompetenz und Zuständigkeiten im Bereich des Waldschutzes herrschen. Diese haben zum Ergebnis, dass ein konsequenter Einsatz von Pflanzenschutzmitteln derzeit fast nicht mehr möglich ist und die Waldbesitzer dabei zuschauen müssen, wie die im Zuge des Klimawandels vermehrt auftretenden Schadorganismen ihr Eigentum vernichten. Versäumt und verzögert Konkret bemängelt wurden vor allem nicht nachvollziehbare Auflagen und Anwendungsbestimmungen seitens der Bundesbehörden sowie deren bisherige Weigerung, Entscheidungsbefugnisse an die Fachbehörden auf Landesebene abzugeben. „So wie bei der Ebola-Epidemie in Afrika sind wir hinsichtlich des Schutzes unseres Waldes drauf und dran, dringend notwendige Maßnahmen zu versäumen und zu verzögern, mit der Konsequenz, dass wir die Ausbreitung der Katastrophe irgendwann nicht mehr in den Griff bekommen“, machte Franz Prinz zu Salm-Salm als Vorsitzender des Waldbesitzerverbandes Sachsen-Anhalt die Brisanz der Situation deutlich. „Die Institutionen, die uns am meis- ten Sorgen bereitet haben, waren das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) das Umweltbundesamt (UBA) und, im Hintergrund eifrig die Spinnenfäden ziehend, das Bundesamt für Naturschutz (BfN). Keiner von denen hat sich mit uns hier vor Ort getroffen. Das Umweltbundesamt sitzt in Dessau und hat in 20 Jahren Existenz nicht ein einziges Mal bilaterale Gespräche mit den Waldbesitzerverbänden geführt. Für eine Bundesbehörde, die Biodiversität will, ist das ein Glanzstück“, so Salm- Salm. Hohe finanzielle Schäden Wo diese Entwicklung bereits hingeführt hat, wurde dann auch aus den Schilderungen weiterer Waldbesitzer deutlich. Mit einem Schlag seien die mit Herzblut über viele Generationen andauernden Bemühungen um einen intakten Wald vergebens. Fassungslos stehe man vor einem gigantischen Ausmaß an Naturvernichtung und Ressourcenverschwendung, erklärte eine Waldbesitzerin, die mit einem Ertragsausfall von 1 Mio. Euro über die nächsten 20 Jahre rechnet (ohne Wiederaufforstungskosten). Gerade auf den Sandböden Norddeutschlands sei es schwierig, neue Waldgesellschaften aufzubauen. Dies dauere, sollte es auf den Kahlflächen mit den wenigen geeigneten Baumarten wie der Kiefer überhaupt gelingen, mindestens 40 lange Jahre. Der anwesende Landwirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt, Dr. Hermann Onko Aeikens, bekundete nicht nur seine Solidarität mit den vom Wald lebenden Familien, sondern gab auch seiner Sorge um die 150 000 ha landeseigenen Wald und das dahinterstehende Vermögen Ausdruck. „Wir können es nicht zulassen, dass unser Wald von diesen Schädlingen kahl gemacht wird“, so Aeikens. Forderungskatalog vorgestellt Zur Abwendung einer Schädlingskatastrophe in den Kiefern- und Eichenwäldern Deutschlands mahnt der Waldbesitzerverband Sachsen-Anhalt daher die umgehende Umsetzung eines acht Punkte umfassenden Forderungskataloges an, der von etwa 150 Waldbauern, Vertretern weiterer Landesverbände sowie vom Dachverband AGDW – Die Waldeigentümer unterstützt wird. Die drei Hauptforderungen sind: 1. Die Zuständigkeit für die Fragen des Forstschutzes durch Pflanzenschutz und insbesondere für den Einsatz von Luftfahrzeugen ist zum Jahreswechsel 2014/2015 auf die Bundesländer zu übertragen. Diese entscheiden zukünftig auf der Basis der Gutachten der zuständigen, sach- und ortskundigen Forstfachbehörde. 2. Der Einsatz effektiver Mittel zum Pflanzenschutz im Wald muss auch künftig regulär mit Bodengeräten und Luftfahrzeugen möglich sein, um akut gefährdete Wälder vor dem Absterben zu retten. Dazu müssen die geeigneten biologischen und chemischen Mittel und Verfahren (Kontaktinsektizide, Häutungshemmer, Bakterienpräparate) grundsätzlich sichergestellt und zeitnah genehmigt werden. 3. Realitätsferne Auflagen jenseits von EU-Regelungen, wie die Beschränkung des Pflanzenschutzes auf höchstens 50 % eines von Schadinsekten und/oder Pilzen befallenen Waldgebietes, darf es nicht länger geben. Eine sachlich ignorante, fachlich unbegründete und teilweise rechtsmissbräuchliche Blockadehaltung von Bundesbehörden muss überwunden werden. Somit müsse sich der Einsatz von biologischen und chemischen Pflanzenschutzmitteln in Naturschutzgebieten nach dem jeweiligen Schutzziel des NSG richten und in Abstimmung mit der örtlich zuständigen Naturschutzbehörde möglich sein. Das bisherige pauschale Verbot zur aviotechnischen Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln in Naturschutzgebieten müsse zurückgenommen werden. Darüber hinaus müsse eine finanzielle Entschädigung bei Schäden u. a. aufgrund fehlender zeitnaher Zulassungen oder der Festlegung von Ausschlussflächen zugesichert und die Forschung zu effektiven Pflanzenschutzmitteln intensiviert und mit entsprechenden Mitteln ausgestattet werden. Weitgehende Einigkeit Nach der Besichtigung der 94 ha großen Kahlfraßfläche ergriffen weitere Experten für Forst und Pflanzenschutz das Wort, bevor drei Abgeordnete des Bundestages mögliche Wege aus der aktuellen Notlage von bevorstehenden Insektenplagen auf der einen Seite und blockierten Bekämpfungsmöglichkeiten auf der anderen Seite skizzierten. Dr. Ralf Petercord, Leiter der Sektion Waldschutz im Deutschen Verband Forstlicher Forschungsanstalten, machte deutlich, dass jeder einzelnen Bekämpfungsmaßnahme mit Pflanzen- »Wir sind nicht gewohnt, laut zu klagen. Wir haben den Wald bisher ohne Klagen erhalten.« Franz Prinz zu Salm-Salm, Vorsitzender des Waldbesitzerverbandes Sachsen-Anhalt »Der verantwortungsbewusste Einsatz von Pflanzenschutzmitteln muss als Ultima Ratio möglich sein.« Dr. Hermann Onko Aeikens, Landwirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt »Die pauschalen Auflagen und Anwendungsbestimmungen der Bundesbehörden müssen dringend aufgehoben werden.« Dr. Ralf Petercord, Leiter der Sektion Waldschutz im Deutschen Verband Forstlicher Forschungsanstalten In Ostdeutschland sind bereits mehrere hundert Hektar Wald abgestorben; verantwortlich dafür ist vor allem auch die massenhafte Vermehrung des Kiefernspinners Foto: Landesbetrieb Forst Brandenburg Rund 94 ha zusammenhängender Kiefernwald mussten kahlgeschlagen werden (zuzüglich knapp 100 ha in umliegenden Waldgebieten), nachdem 2009 der gesamte Bestand von der Kiefernbuschhornblattwespe (Diprion pini) kahlgefressen und im Folgejahr durch einen Pilz (Sphaeropsis sapinea) zum Absterben gebracht worden war Foto: Landeszentrum Wald Sachsen-Anhalt Rund 150 Waldbesitzer machten auf der Veranstaltung Politik und Verwaltung auf ihre aktuelle existenzgefährdende Lage aufmerksam. Während der gut dreistündigen Veranstaltung im geschädigten Waldgebiet von Kenzendorf bei Letzlingen war die Wut durchgängig spürbar, die sich seit Monaten in den Waldbesitzerfamilien aufgestaut hatte Fotos: Krawczyk (5) Fortsetzung auf Seite 959


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