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Donnerstag, 2. Oktober 2014 Baumschutz Nummer 40 · Holz-Zentralblatt · Seite 959 Asiatischer Laubholzbock in Sachsen-Anhalt entdeckt 59. »Deutsche Pflanzenschutztagung« in Freiburg: »Augen verschließen ist keine Lösung bei Quarantäneschädlingen« Die 59. „Deutsche Pflanzenschutztagung“, mit weit mehr als 1200 Teilnehmern eine der größten agrarwissenschaftlichen Tagungen Europas, fand vom 23. bis 26. September an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg statt. Staatssekretär Dr. Robert Kloos vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) eröffnete die Fachtagung. Ein wichtiges Thema der Veranstaltung war der Status bei den Forstquarantäne Schaderregern. Dabei wurden auch neue Nachweise des Asiatischen Laubholzbocks thematisiert. r. Thomas Schröder vom Julius Kühn-Institut (JKI) warnte auf D der diesjährigen 59. „Deutschen Pflanzenschutztagung“: „Die Zahl neuer Schadorganismen an Bäumen in der EU ist groß. Die Invasiven, wie sie genannt werden, haben hier keine oder kaum natürliche Feinde. Sie können unsere Umwelt stark verändern und ein einziger davon kann nur hier in Deutschland derzeit Schäden in Milliardenhöhe anrichten, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden.“ Besonders im Fokus steht derzeit der Asiatische Laubholzbockkäfer (ALB), der Ende August erstmals in Sachsen- Citrusbockkäfer (links) und durch Larvengänge im Holz (rechts) mit beginnender Holzfäule durch sekundären Pilzbefall Fotos: Thomas Schröder, Julius-Kühn-Institut (JKI) Anhalt – mitten in der Landeshauptstadt Magdeburg – entdeckt wurde. Die Larven können auch im Holz vieler hier heimischer Laubbäume leben und die Bäume zum Absterben bringen. Seinen Weg aus China in viele Länder der Erde schafft er immer wieder mit Verpackungsholz vor allem mit Granitlieferungen. Die derzeitige Maßnahme in Magdeburg: Sämtliche Wirtsbäume in einem Umkreis von 100 m müssen gerodet und verbrannt werden. Danach muss eine Sicherheitszone eingerichtet werden, die aufwendig über Jahre kontrolliert wird. Das Gleiche gilt ebenfalls für eine erneute Entdeckung in Bayern vor wenigen Tagen in Neubiberg südlich von München. Diese Quarantänemaßnahmen finden in der breiten Öffentlichkeit nicht immer Anklang. Dass frühzeitige und konsequent umgesetzte Maßnahmen sinnvoll und ökonomisch von Vorteil sind, zeigt eine Bewertung des JKI zusammen mit der Humboldt-Universität Berlin. Hier wurden die aufwendigen Quarantänemaßnahmen anhand der Situation in der Nähe von Bonn mit einer ungehinderten Ausbreitung des ALBs ökonomisch verglichen. Der Schädling trat in Bonn bisher von 2008 bis 2012 mehrfach auf und führte zu der größten Vernichtungsaktion von Bäumen in NRW. „Jetzt kontrollieren zehn speziell ausgebildete Personen über das ganze Jahr die derzeit 3 000 ha große Quarantänezone“, so Reiner Schrage vom Pflanzenschutzdienst Nordrhein- Westfalen in Bonn. Dass diese Maßnahmen wirken können, zeigen Erfolge in New York und Toronto/Kanada sowie beim Citrusbockkäfer, einem nahen Verwandten des ALBs. Neben der Gefahr des Imports kommt der Käfer inzwischen aufgrund von Nicht-Maßnahmen in einem Gebiet von etwa 40 000 ha um Mailand in Italien vor. Andere Ausbrüche Mehr als 1200 Teilnehmer zählte die diesjährige Pflanzenschutztagung Foto: Gyula Gyukli/JKI in Europa, die sofort erkannt wurden, konnten bisher gestoppt werden. Aber das Eis bleibe dünn und man sollte die Augen auf keinen Fall verschließen. 2013 gaben 25 Mitgliedstaaten 222 Meldungen zu Schadorganismen (nicht nur im Forst) ab, berichtet Katrin Kaminski vom JKI, was ungefähr der Zahl der Meldungen der Vorjahre entspricht. Etwa ein Viertel davon betraf bis dato nicht gelistete, neu aufgetretene Schadorganismen, für die die Europäische und Mediterrane Pflanzenschutzorganisation EPPO gesetzliche Regelungen empfiehlt. Aktuell gelten EU-weit bei Bäumen strenge Quarantänevorschriften bzw. Notmaßnahmen beim Kiefernholznematoden, Asiatischen Citrusholzbockkäfer, der Esskastaniengallwespe und den Schaderregern Fusarium circinatum und Phytophthora ramorum, falls einer dieser fünf in einem Land der EU auftaucht (zu den Schädlingen hat das Julius-Kühn-Institut eine Reihe von Informationen auf Faltblättern zusammengestellt, erhältlich unter: www.jki.bund.de, unter Veröffentlichungen – Broschüren und Faltblätter). An einem erneuten Notmaßnahmen- Beschluss gegen den ALB, der dann für alle Mitgliedstaaten gilt, wird derzeit bei der EU-Kommission gearbeitet. Stand bei Forstquarantäne- Schaderregern ◆ Kiefernholznematoden (B. xylophilus): Das Befallsgebiet in Portugal sowie der Insel Madeira weitet sich aus. Während in Spanien drei der Ausbrüche mit lediglich befallenen Einzelbäumen ausgerottet erscheinen, gab es 2013 einen Befall etwa 30 km östlich der portugiesischen Grenze in der Region Salamanca, für den ein etwa 2 km² großes Befallsgebiet ausgewiesen wurde. Die Ausrottungsmaßnahmen, einschließlich der vorsorglichen Fällung der Wirtspflanzen in einem 500-m-Radius um den Befall, dauern an. ◆ Nach wie vor existiert in Italien in der Gegend um Mailand der etwa 40 000 ha umfassende Ausbruch des Citrusbockkäfers (A. chinensis, CLB). Alle anderen Auftreten in EU-Mitgliedstaaten konnten getilgt werden. Aus den vielen Einzelfunden der Jahre 2008 bis 2014 hat sich bisher kein Auftreten abgeleitet. ◆ Beim Asiatischen Laubholzbockkäfer (A. glabripennis, ALB) gab es vermehrt neue Freilandauftreten. So sind in Deutschland derzeit fünf Befallsgebiete bekannt und in der gesamten EU einschließlich der Schweiz 18. ◆ Japanische Esskastaniengallwespe (D. kuriphilus): 2013 befallene Bäume in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Hessen sowie 2014 in Rheinland-Pfalz. Die Gallwespe ist inzwischen über ganz Italien verbreitet. In anderen Mitgliedstaaten trat sie ebenfalls auf. Da eine Ausrottung nicht mehr möglich erscheint und auch eine natürliche Ausbreitung nicht aufzuhalten ist, wurden die Notmaßnahmen der EU bis auf Regeln für ausgewiesene Schutzgebiete im Jahr 2014 aufgehoben. ◆ Der auf Kiefern spezialisierte Schadpilz Fusarium circinatum ist nach wie vor in Baumschulen und im Freiland Spaniens aktiv. In einigen Gebieten war eine Ausrottung möglich, in anderen Gebieten gab es neue Ausbrüche, sodass derzeit neun Baumschulen betroffen sind und sieben Befallsgebiete ausgewiesen wurden. Auch in Portugal wurden neue Befallsherde in Baumschulen festgestellt. ◆ Phytophthora ramorum, der Erreger des „Sudden Oak Death“ (Eichensterben) in Nordamerika, wurde im Jahr 2013 in 17 EU-Mitgliedstaaten und der Schweiz nachgewiesen, wobei 94 % aller Ausbrüche aus Großbritannien gemeldet wurden. Nach wie vor sind dabei Rhododendren die Hauptwirtspflanzen. In Deutschland wurde P. ramorum einmal in Niedersachsen im Öffentlichen Grün und einmal an verwilderten Rhododendren in einem Waldstück in Schleswig-Holstein gefunden. In zwei Bundesländern wurden zugekaufte Pflanzen positiv getestet. Damit ist festzustellen, dass der Befall mit P. ramorum in Deutschland sowohl bezüglich der Anzahl der betroffenen Bundesländer als auch der Anzahl der Einzelfunde in den vergangenen Jahren stetig zurückgegangen ist. Dr. Gerlinde Nachtigall Å Å Zur Veranstaltung ist ein Tagungsband erschienen: Julius-Kühn-Archiv, Band 447 (2014). Der Artikel gibt Zusammenfassungen von Beiträgen daraus wieder. Schadbild gesund-zu-tot: Schadsymtome an Pinus pinaster von gesund zu abgestorben durch Kiefernholznematode Foto: Thomas Schröder, JKI »Eine Situation wie bei Ebola gilt es zu verhindern!« Fortsetzung von Seite 958 schutzmitteln ein mehrstufiges Prognoseverfahren vorgeschaltet ist (Fraßkartierungen, Pheromonprognosen, Eigelegesuchen, Bestimmung des Parasitierungsgrades), auf dessen Grundlage letztlich die Unteren Naturschutzbehörden über die Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln entscheiden. „Die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln mit Luftfahrzeugen im Wald war und ist die behördlicherseits am intensivsten kontrollierte Pflanzenschutzmittelanwendung über alle Anwendungsgebiete hinweg. Der Forst macht das überaus vorbildlich! Es wird nur nie darüber gesprochen“, so Petercord. Dr. Hans-Gerd Nolting, Abteilungsleiter Pflanzenschutz im Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), machte seinerseits deutlich, dass er und seine Kollegen seit mehr als zehn Jahren Genehmigungen erteilen, obwohl diese teilweise EURichtlinien widersprechen. Petra Crone, forstpolitische Spreche- rin der SPD-Fraktion, sagte: „Wir brauchen eine Vielfalt an Pflanzenschutzmitteln, um auch im Wald Erträge zu sichern und die Vielfalt von Flora und Fauna zu garantieren.“ Angesichts des Klimawandels und der Bedrohung durch invasive Arten rief sie die Industrie dazu auf, „mehr für den Forstbereich zu tun“ und entsprechend mehr zu forschen, zu entwickeln und anzubieten. Alois Gerig, Obmann der CDU/CSUFraktion im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft und Berichterstatter für Wald und Forstwirtschaft, sprach sich für praktikable Regelungen aus und für ein Ende des „Behörden-Hickhacks“. „In den betroffenen Waldgebieten wird auf dramatische Weise deutlich, dass die Nicht-Anwendung von Pflanzenschutzmitteln zu größeren Schäden führen kann als ihre Anwendung“, so Gerig. Für die Linksfraktion stellte Katrin Kunert fest, dass man sich in Bezug auf den Eichenprozessionsspinner in den vergangenen Jahren immer wieder für eine praxisnahe Zulassung und Applikation unterschiedlicher Wirkstoffe eingesetzt habe. Sie mutmaßte, dass die politischen Positionen in der Sache nicht weit auseinanderliegen und deshalb zeitig Lösungen gefunden werden könnten. Alle drei Mitglieder des Bundestages befürworteten schnellstmögliche Runde Tisch-Gespräche. „Je eher desto besser“, unterstrich Ministerialdirigent Dr. Axel Heider vom Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL). Sein Haus habe angesichts des Unmuts der Betroffenen, der unbefriedigenden 50 %-Auflage und der Dimension eines „entschädigungspflichtigen enteignungsgleichen Eingriffs“ (Art. 14, Abs. 3 Grundgesetz) bereits Projektmittel für koordinierende Maßnahmen reserviert und verfolge das Problem nun mit Nachdruck, um mit der Einrichtung einer Koordinierungsstelle noch 2014 zu handfesten Lösungen zu kommen. „Diese Auflagen und Anwendungsbestimmungen sind weder zwingendes Bundesrecht noch EU-Recht, sondern ideologisch zwanghaft. Sie gehen aber voll am Thema vorbei und treffen uns auf der Fläche bis ins Mark. Wenn die Auf mehreren Transparenten machten die ansonsten nicht zu Demonstrationen neigenden Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer ihrem Unmut Luft Menschen, die im Nebenerwerb vom Wald leben sich die Mühe machen in der Vielzahl heute hier zu erscheinen, sollte das mindestens so ernst genommen werden, wie 50 000 Leute die sich vor dem Brandenburger Tor versammeln“, so Prinz zu Salm-Salm. Nikolai Krawczyk


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