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Seite 962 · Nummer 40 · Holz-Zentralblatt Holzwirtschaft Donnerstag, 2. Oktober 2014 Wohnlichkeit und Wärme von Holz mitten in die Stadt Fortsetzung von Seite 961 die ab 2015 gelten, ist mit einer weiteren Öffnung des Baumarktes für Holz zu rechnen. Welche Ambitionen hegt die Branche für die kommenden Jahre? Christoph Starck: Eigentlich könnten wir uns ja etwas zurücklehnen und stolz sein auf das, was sich in den letzten Jahren ergeben hat: Der Marktanteil bei den Mehrfamilienhäusern ist auf 6,6 % im Jahr 2013 angestiegen. Das ist eine gute Verdreifachung des Volumens seit der Jahrhundertwende. Nicht nur, dass Mehrfamilienhäuser gebaut werden können, es werden inzwischen ganze Überbauungen in Holz realisiert. D. h., anstelle des Mehrfamilienhauses mit vier Geschossen und acht Wohnungen, welches wir als Standard erwartet haben, entstehen ganze Überbauungen mit 100, sogar bis 200 Wohnungen. Auch im wichtigen Segment der Sanierung erreicht der Holzbau inzwischen mehr als einen Viertel des Marktes. Unter dem Gesichtspunkt der anstehenden Verdichtung und Erneuerung des Gebäudeparks ebenfalls ein wichtiges Zukunftssegment. Wir können damit eigentlich mehr als zufrieden sein. Vielerorts sind auch Kapazitätsgrenzen erreicht. Auf der anderen Seite ist klar, dass die Siedlungsentwicklung in der Schweiz noch weiter geht – insbesondere mit Bauten in die Höhe. Noch vor nicht allzu langer Zeit war der Bau von Hochhäusern in der Schweiz unerwünscht. Wenn ich die heutigen Städte wachsen sehe, dann geht das aber vor allem in der Vertikalen. Auch hier wollen wir in Zukunft präsent sein und zeigen, dass das Holz auch in hohen Gebäuden seinen Platz hat. Die Vorschriften diskriminieren Holz nicht mehr. Die Vision in der Zukunft ist es, die Wohnlichkeit und Wärme von Holz mitten in die Stadt zu bringen und Gebäuden einen Mehrwert zu geben, welche sie in der konventionellen Bauweise nicht haben. Ich stelle mir vor, dass wir in wenigen Jahren in der Schweiz das erste Hochhaus in Holz bauen werden. HZ: Die Holzbaubranche ist sehr kleinstrukturiert. Wie organisiert sich die Branche, um immer größer und komplexer werdende Neubauprojekte zu bewältigen? Christoph Starck: Die Komplexität der Projekte steigt nicht nur im technischen Bereich. Großprojekte verlangen auch andere, erweiterte Kompetenzen in Bezug auf das Projektmanagement, die Logistik und insbesondere auf das Risiko- und Finanzmanagement. Es ist offensichtlich, dass die Klein- und Kleinstunternehmen kaum in der Lage sein werden, Großprojekte umzusetzen. Auch beim Zusammenschluss von Unternehmen in Arbeitsgemeinschaf- ten sind die Herausforderungen nur schwer zu bewältigen. Ein Abbild des zunehmenden Volumens der Bauprojekte ist denn auch ein gewisser struktureller Wandel mit wachsenden Unternehmen in der Holzbaubranche. Diese großen Unternehmen sind es auch, welche zur Hauptsache die komplexen Bauprojekte realisieren. HZ: Die Anwendung von Holz in den ertragsstarken Bereichen Bau und Ausbau steigt in der Schweiz kontinuierlich. Dennoch ist die Gesamtwertschöpfung der Branche gemäß der 2014 veröffentlichten neuesten Wertschöpfungsanalyse des Bundes rückläufig. Weshalb? Wo gilt es im wirtschaftlichen Interesse der Gesamtbranche Gegensteuer zu geben, wo liegen große Potenziale allenfalls brach? Christoph Starck: Das Bild der Gesamtbranche darf nicht mit dem Bild von Bau und Ausbau verwechselt werden. Die gesamte Wertschöpfung sinkt in erster Linie, weil die Branchen am Anfang der Verarbeitungskette aufgrund der Währungssituation massiv unter Druck sind. So sinkt zum Beispiel der Einschlag im Wald, die Versorgung der Sägewerke ist nicht kontinuierlich gesichert, und der Einschnitt sinkt. Am anderen Ende profitieren Holzbau und Schreiner nur vermeintlich von den tieferen Preisen. Da es die Schweizer Bauindustrie nicht schafft, bei steigender Nachfrage wie in anderen Branchen höhere Preise durchzusetzen, steigen beim Einkauf von Werkstoffen im günstigeren Ausland vielleicht die Margen etwas, aber die Wertschöpfung nimmt nicht in dem Ausmaß zu, wie es aufgrund des steigenden Siedlung „Neugrüen“, Mellingen; Projekt mit 198 Mietwohnungen, davon 68 in Reiheneinfamilienhäusern; 2 600 m² Gewerbe/Dienstleistung; Grundstücksfläche total 31 033 m²; Bauherrschaft: Credit Suisse Anlagestiftung Real Estate Switzerland; Totalunternehmer: Implenia Buildings, Aarau; Generalplaner/Architektur: Dietrich Schwarz Architekten AG, Zürich; verbaut wurden unter anderem 2 000 m³ Konstruktionsholz, 1 600 m³ Brettstapel, 11 000 m² Fassade mit 155 000 Schindeln; Holzbauingenieur: Josef Kolb AG, Romanshorn; die Gesamtkosten der Anlage belaufen sich auf 118 Mio. CHF (rund 98,5 Mio. Euro); Realisierung: 2012 bis 2014 Foto: Hanspeter Fäh, Thalwil/Lignum Absatzes eigentlich zu hoffen wäre. HZ: Während Bau und Ausbau mit Holz florieren, stecken Waldwirtschaft und Sägerei in der Krise: Holzernte und Einschnitt sind rückläufig. Gibt es Vorstellungen dazu, was getan werden kann, um diese eher wertschöpfungsarmen Glieder der Holzkette wieder flottzumachen? Christoph Starck: Die bereits erwähnte Studie des Aktionsplans Holz zur Wertschöpfungskette Holz in der Schweiz zeigt einen zentralen Ansatz, welcher sicherlich die Situation für die ersten Verarbeitungsstufen erleichtern würde. Die Installation von Kapazitäten für die Produktion von Leimholz, welches zur Zeit zu gut 70 % importiert wird. Aber ich muss vorausschicken, dass es für ein Problem mit derart vielen verschiedenen Ursachen, begonnen beim zersplitterten Waldbesitz bis zur oben erwähnten Währungssituation, nicht einfach eine Patentlösung gibt. Es ist jedoch ganz klar, dass zusätzliche Nachfrage nach Rohholz im Inland die Situation relativ rasch verbessert. Wenn im Wald mehr Holz geschlagen wird, verbessert sich die wirtschaftliche Situation der Forstbetriebe, was aus den Statistiken der letzten Jahre ganz einfach herausgelesen werden kann. Zusätzliche Inlandsnachfrage stärkt auch die Sägewerke usw. HZ: Welchen Beitrag kann die Empfehlung des einheimischen Rohstoffes Holz bei den Binnennachfragern über ein Label wie das „Herkunftszeichen Schweizer Holz“ leisten? Christoph Starck: Wie bereits gesagt, schlussendlich verhilft nur zusätzliche Nachfrage auf dem Markt zu besseren Ergebnissen. Da versucht das Herkunftszeichen anzusetzen. Es soll die generell hohe Sympathie, welche der einheimische Werkstoff beim Publikum genießt, nutzen. Die aktuelle Situation mit gegenläufigen Entwicklungstendenzen ist eine Belastungsprobe für die Gesamtbranche. Wald und Säger, welche in den vergangenen Jahren kräftig mitgeholfen haben, um die Rahmenbedingungen für den Holzeinsatz zu verbessern, sind von der aktuellen Erfolgswelle der Holzanwendung auf den Märkten praktisch abgeschnitten. Das Herkunftszeichen ist ein Weg, auch hier etwas von diesem Erfolg wieder in die Schweizer Branche zu tragen. HZ: Die öffentliche Hand gestaltet in der Schweiz die Entwicklung der Holzbranche über Rahmenbedingungen, aber auch ganz direkt über Programme wie das Nationale Forschungsprojekt NFP 66 „Ressource Holz“ oder den „Aktionsplan Holz“ wesentlich mit. Wie stimmt sich die Branche in ihren Zielen mit diesem starken externen Einfluss ab? Christoph Starck: Aus unserer Sicht eine erfreuliche Situation, wenn die Förderung in der liberal orientierten Schweizer Politik bei Weitem nicht vergleichbar ist mit dem, was in den umliegenden Ländern gemacht wird. Die Förderung zielt nicht auf die Unterstützung von Strukturen, sondern sie zielt auf langfristige Verbesserungen von Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit. Hier treffen sich in der Regel auch die Stoßrichtungen von Branche und öffentlicher Hand, sodass weitgehend alle in diesselbe Richtung stoßen. Selbstverständlich gibt es in Bezug auf den einzuschlagenden Weg hin zu diesen Zielen immer wieder abweichende Vorstellungen. Vorteilhaft ist es, dass die öffentliche Hand immer ein offenes Ohr für Branchenbedürfnisse hat und dass Gremien, in welchen wir uns bei der Entwicklung und Steuerung der Programme einbringen können, institutionalisiert sind. Daneben versuchen wir auf verschiedenen Ebenen im Rahmen der Lignum Plattformen zu schaffen, um die Meinung der Branche abzustimmen und gemeinsame Positionen zu finden: z. B. im Rahmen von Kommissionen und nicht zuletzt auch im Vorstand der Lignum, welcher die wichtigsten Verbände der Schweizer Branche vereint. Aber auch das ist nicht immer einfach, es ist einfach nachzuvollziehen, dass Waldwirtschaft und Säger nicht immer dieselben Erwartungen haben, und die Welt von Schreiner und Holzbauer ist nochmals eine andere. HZ: Die Nutzbarmachung der steigenden Laubholzanteile in den Wäldern brennt der Holzbranche europaweit auf den Nägeln. Mittelfristig wird die Thematik noch durch die erwarteten Klimaveränderungen verschärft. Welche Ansätze verfolgt die Schweiz? Christoph Starck: Die oben erwähnten Programme setzen sich zukunftsorientiert mit dem Thema auseinander. Es werden neue Anwendungen gesucht, von der Nanofibrille bis zum Brettschichtholz. Es gibt erste Investitionen mit dem Ziel, Verarbeitungskapazitäten aufzubauen, notabene getrieben vom Waldbesitz in der Nordwestschweiz, wo das Laubholz heute schon überwiegt. Auch hier gibt es keine einfachen Rezepte. Solange Laubholzprodukte derart viel teurer sind als Nadelholz, ist es unglaublich schwierig, einen Markt aufzubauen. Es wird wohl kaum möglich sein, die klassischen Bauprodukte von heute einfach durch Laubholzprodukte zu ersetzen. Der Weg wird eher dort zu suchen sein, wo die Laubholzprodukte ihre Vorteile in Form von schlankeren Teilen usw. ausspielen können, oder eben in neuen Anwendungen. Die gesamte Prozesskette muss neu aufgebaut und industrialisiert werden, das geht bis zum passenden Verbindungsmittel für leistungsfähige Bauteile und zum Werkzeug für die Bearbeitung des Holzes. Das ist ein Vorhaben, welches nicht von heute auf morgen passiert. Gleichzeitig muss die Branche am Markt konkurrenzfähig bleiben, was heute und auch in naher Zukunft den Einsatz von Nadelholz bedingt. Es wäre naiv zu glauben, dass jetzt die ganze Kette einfach ruckzuck umgestellt werden könnte. Der Holzbau würde ziemlich rasch von der Bildfläche verschwinden. Das ist übrigens auch eine Herausforderung für die Waldwirtschaft. Eine nachhaltig überlebensfähige Waldwirtschaft sollte bis auf Weiteres auch Produkte anbieten, welche der Markt nachfragt. Das „House of Switzerland“ auf dem Zürcher Sechseläutenplatz zur Leichtathletik-Europameisterschaft vom 12. bis 17. August. Bauherrschaft: Präsenz Schweiz; Architektur: Spillmann Echsle Architekten, Zürich; Holzbauingenieure: Timbatec GmbH, Zürich; Holzbau: KIFA AG, Aadorf; Foto: Michael Meuter, Zürich/Lignum Detailansicht aus der Siedlung „Neugrüen“ Foto: Hanspeter Fäh, Thalwil/Lignum »Die Wertschöpfung sinkt in erster Linie, weil die Branchen am Anfang der Verarbeitungskette massiv unter Druck sind. « Christoph Starck


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