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HZ_40_2014

Donnerstag, 2. Oktober 2014 Sägeindustrie Nummer 40 · Holz-Zentralblatt · Seite 963 Mehr Fitness statt Forschung im Wald und im Sägewerk Schweizer Politik zeigt zu viel Gehorsam, gegenüber Ingenieuren und der Normen-Tradition zu wenig Respekt Hansruedi Streiff*, Bern Die Baukonjunktur ist weiter gut und die Schnittholznachfrage entsprechend. Die scharfe Frankenaufwertung der Jahre 2010/11 sorgt aber bei den einheimischen Produzenten für unverminderten Import- und Preisdruck. Sorgen macht auch die Nadelrundholz-Versorgung, weil das Angebot in vielen Mittelland Kantonen drastisch geschrumpft ist. Sorgenfrei sind dagegen die immer zahlreicheren Forscher, Berater, Inspektoren und Auditoren, die sich um Forst und Säge „kümmern“. ie Task-Force Wald, Holz und Energie, das Pendant zur Deutschen AGR, der Arbeitsgemeinschaft D der Rohholzverbraucher, verwies schon letztes Jahr mit großer Sorge auf die sinkende Holzernte, und sie plant eine große Kommunikationskampagne zur Motivation der Waldbesitzer. Die Holzernte 2013 lag erneut auf dem tiefen Niveau von 2012, und ein Aufwärtstrend ist noch nicht auszumachen. Besonders alarmierend für die Säger ist der Trend im Mittelland, der zwischen Jura- Gebirge und Voralpen verlaufenden Tieflage. Weitere Wege bis zur Fichte Der Wald im Mittelland ist am besten erschlossen und am zuwachsstärksten. Eine ideologisch fehlgeleitete Forstpolitik verdrängt aber die Fichte aus dieser Lage. Zahlreiche Sägewerke müssen ihren Einkaufsradius erweitern und noch mehr für den Transport bezahlen. Der Kanton Zürich und seine westlichen (Aargau) und östlichen (Thurgau) Nachbarn machen etwa die Hälfte des Mittelland-Angebotes aus. Wie die Tabelle zeigt, hat sich das Angebot innerhalb von zehn Jahren halbiert, mit Schrumpfungs-Raten von 7 bis 12 % pro Jahr. Waldreservate statt Holzbau für das Klima? Lässt die Forstbehörde die Verarbeiter im Stich? Soll das Holz für die 2000- Watt-Gesellschaft von irgendwo hergekarrt werden statt lokal beschafft? Der Thurgauer Holzhausbauer und Verpackungs-Hersteller Ruedi Heim hat als Politiker in seinem Kanton nachgehakt: Die Holzverarbeiter sind durch diese Situation verunsichert. Die Holzbereitstellung ist nicht zuletzt energieund klimapolitisch sehr wichtig, denn mit Nadelholz können beispielsweise die ökologisch hervorragenden Holzhäuser gebaut werden. Dagegen wird Laubholz, da darf sich der Forstdienst nichts vormachen, im Bauwesen ein Nischenprodukt bleiben. Wenn der Thurgauer Rohstoff zunehmend ausbleibt, wird wieder verstärkt Nadelholz mit weitgehend unbekannter Herkunft verwendet. (…) Ich frage deshalb die Regierung: 1. Ist es richtig, dass der Kanton Thurgau seit ungefähr zehn Jahren der Schaffung von Reservaten ungleich mehr Aufmerksamkeit widmet als der Bereitstellung von Holz für die Weiterverarbeitung? 2. Ist die Regierung bereit, der Versorgung der thurgauischen Holzverarbeiter Priorität einzuräumen? 3. Ist die Regierung bereit, eine Nutzungspolitik zu formulieren und die Waldbesitzer zur stärkeren Nutzung zu motivieren? 4. Ist die Regierung bereit, die Forstpolitik weg vom konservativen Wald- Naturschutz und hin zu einer ökologischen Ressourcenpolitik, abgestimmt auf Energie- und Klimaziele, zu entwickeln? Die Beantwortung steht noch aus. Es ist wichtig, nationale Zahlen auf die verbindlichere kantonale Ebene herunterzubrechen, und dort seitens Arbeitgeber der Holzindustrie kritische Fragen zu stellen. Es kann nicht sein, dass sich die Forstpolitik nicht um die Ver- sorgung jener Betriebe kümmert, die mit der baulichen Anwendung dem Holz wertvolle Öko-Pluspunkte bescheren. Handeln statt forschen? Jeder Laie ahnt es, jeder Waldbesitzer weiß es: ein bewirtschafteter, junger Wald ist gegen jegliche Klima-Unbill besser gewappnet als der unbewirtschaftete, überalterte Wald. Dennoch soll man auf die Forscher warten und hören? Auf Forscher, die nicht wie in Österreich ergründen, welche Fichten- Provenienz auf welchem Standort mehr Trockenheit ertragen, sondern die die Fichte weg haben wollen? Warten auf eine Umwelt-/Forstbehörde, die bis auf höchste Ebene Stunden mit der Frage verbringt, ob die Douglasie als Fichten- Ersatz überhaupt toleriert werden könnte – oder als Neophyt eben absolut nicht. Die Schweizer Forstunternehmer haben es im Frühjahr schon gefordert: Mit Durchforstung und Verjüngung aktiv eingreifen, statt warten auf Forschungsresultate. Es brauche eine neue, positive und aktive Orientierung in der Schweizer Waldwirtschaft, und mehr Spielraum für die Fachleute vor Ort. Kürzer treten sollen dafür die Waldforscher. Und betreffend Baumartenwahl sollten nicht erst die Forschungsergebnisse der WSL (Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft) Ende 2015 abgewartet werden, wie der Bund meint. Die Anpassung des Waldes an den Klimawandel dürfe nicht weiter ein akademisches Tummelfeld sein – geprägt von Forscher-Eigeninteressen statt von verantwortungsbewussten Bewirtschaftern. Der Waldeigentümer ist und bleibt für seinen Wald verantwortlich, das nehmen ihm weder Forscher, noch Behörden ab. Er sollte vermehrt das Heft in die Hand nehmen, statt auf Ratschläge „von oben“ zu warten. Das heißt, mehr Maßnahmen gegen Pflegerückstände, Überalterung und Ernterückgang schon jetzt ergreifen, aktiv Weichen stellen für die bessere Fitness des Waldes. Holzinformation statt forschen Die forstlichen Forschungskapazitäten sind für unser kleines Land sehr üppig vorhanden – trotz der Nähe zu entsprechenden Einrichtungen in Süddeutschland. Naturgefahren ja, aber welche der vielen anderen Disziplinen brauchen wir wirklich? Und wenn es um Ertragskunde und Erntetechnik oder Maschinen geht, ist doch niemand zuständig, weil man lieber an „Wichtigerem“ forscht. Die holzseitigen Forschungskapazitäten sind im Vergleich viel bescheidener, und den Bedürfnissen der Wirtschaft besser angepasst. Wenn aber zusätzliche Mittel fließen, wie aktuell im nationalen Forschungsprogramm Holz NFP 66, kommen noch mehr Forscher auf den Plan: ◆ Forscher, die sich nach Ende des Programms wieder völlig aus der Wald/ Holz-Szene zurückziehen werden ◆ Forscher, die noch einmal dieselbe Life Cycle- oder was auch immer Geschichte erforschen, die ganz ähnlich (aber nicht ganz gleich) erst neulich erforscht worden ist ◆ Forscher, die ihre Forschungsfragen nie mit der Praxis diskutieren und auch erst gegen Ende des Projektes fachlich in der Lage sind, diese zu begreifen ◆ Forscher, denen es völlig egal ist, wenn von ihren Erkenntnissen überhaupt nichts umgesetzt werden kann. Das NFP 66 läuft noch, aber es ist schon jetzt anzunehmen, dass weder Waldbesitzer, noch Holzverarbeiter in irgendeiner Weise von den investierten Hansruedi Streiff 18 Mio. CHF profitieren werden. Da würden viele Projekte besser gar nicht erst gestartet und die Mittel für den besseren Wissensstand der Bevölkerung um Wald und Holz eingesetzt. Normenfreiheit unter Druck Die Normierung hat einen unschönen gesellschaftlichen Trend verinnerlicht: Vermeintlich „Verbessern“ ohne Handlungsbedarf, Bescheinigen ohne Bescheinigungsbedarf, Prüfen ohne Prüfbedarf. Mit der Einführung der neuen europäischen Bauprodukteverordnung und den dadurch erforderlichen Anpassungen des Schweizer Bauproduktegesetzes kommt nun ein neuer Schub unnötige Bürokratie auf die Schweizer Hersteller von Bauprodukten zu (Leistungs-Erklärungen), plus Fremdüberwachung dort, wo eigentlich alles auch ohne diese funktioniert. Besonders störend, dass durch die Übernahme der Europäischen Regeln, das bewährte Schweizer System mit „Stand der Technik“, Fachwissen und Eigenverantwortung zurückgedrängt wird und möglichst alles nach den engen Vorgaben der europäischen Normen produziert werden soll. Das ist innovationshemmend und -verschleppend. Man kann spekulieren, ob unter diesen neuen Umständen ein Produkt wie Brettsperrholz (Ursprung bei der Pius Schuler AG, Rothenthurm/SZ) noch einmal kreiert und auf dem Markt getestet werden könnte? Die Schweizer Politik zeigt da gegenüber Europa zu viel Gehorsam, und gegenüber den Ingenieuren und der Normen Tradition der eigenen Bau- und Holzwirtschaft zu wenig Respekt. (vgl. hierzu auch Jörg Reimer „Herkunftsdeklaration – notwendige Weitsicht vermisst“ auf Seite 972 dieser Ausgabe). FSC und PEFC die Stirn bieten Staat und Politik sind aber unbeteiligt beim Wuchern parastaatlicher Normen wie FSC- und PEFC-Standards. Das OCP-Projekt von FSC, die Liegenlass- Tendenzen für Nicht-Derbholz bei FSC und PEFC, die steigenden Anforderungen an Risikoanalysen für nichtzertifiziertes Holz auch aus unverdächtigen Ländern, die Einmischung in die Arbeitssicherheit und die Sozialbedingungen sind doch alles Alarmsignale. Wer braucht das? Was bringt das? Wo ist der Mehrwert für die Branche? Haben wir keine funktionierende Forst-Behörde für die Nachhaltigkeitskontrolle im Wald? Ist nicht die Arbeitssicherheit schon längst ein Kernthema der Wald- und Holzwirtschaft und in der Aus- und Weiterbildung plus Betriebsführung mit dem richtigen Stellenwert verankert? Gibt es keine Gewerkschaften? All die angesprochenen Institutionen sollten sich mit den Waldbesitzern und Holzverarbeitern gemeinsam gegen die ausufernden Macht- und Normensetzungs Ansprüche von FSC und PEFC entschieden wehren. Und wenn das nichts nützt: Austreten. Große Chancen Holz erobert Marktanteile im Hausbau, Gewerbe-/Industriebau, in Schulhäusern, Hallen, Brücken. Mittlerweile gibt es Holzhäuser in allen Ortschaften zu sehen, und um Hallen oder mehrstöckige Bürobauten in Holz zu sehen, muss man auch nicht mehr weit reisen. Erfreulich ist, dass Holz sich einerseits von der Ausnahme zum Standard gemausert hat, und andererseits mit immer neuen spektakulären Bauten zusätzlich überrascht. So steigen immer breitere Kreise auf diesen modernen und ökologisch herausragenden Baustoff ein. Die Holzindustrie hat also a priori glänzende Perspektiven, sollte sich aber in höchstem Maße auf die Herstellung und Weiterentwicklung der Bauprodukte konzentrieren können: Entlastet von Rohstoffbeschaffungs-Fragen und einengender Bürokratie aus staatlichen Aus Sicht des Autors wird die Schweizer Holzwirtschaft von allen möglichen Institutionen bedrängt und parastaatlichen Normen. * Der Autor ist Direktor des Branchenverbandes Holzindustrie Schweiz – Industrie du bois Suisse – mit Sitz in Bern Ernte von Nadelstamm-Holz (1000 Fm) 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2013:2004 Abbau/a Aargau 231 213 219 200 172 168 147 161 145 121 52 % –7% Zürich 306 297 253 253 194 182 155 169 140 135 44 % –9 % Thurgau 145 149 134 126 94 77 63 60 55 50 34 % –12 % Mittelland 1 362 1 378 1 345 1 218 963 860 802 783 681 674 49 % –8 % Schweiz 3 158 3 117 3 289 3 290 2 886 2 574 2 678 2 568 2 241 2 262 72 % –4 % Zahlen: Bundesamt für Statistik


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