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HZ_40_2014

Seite 966 · Nummer 40 · Holz-Zentralblatt Holzarchitektur Donnerstag, 2. Oktober 2014 „Nest“ – ein Labor für Experimente am Bau Das Empa-Gebäudelabor in Dübendorf (Schweiz) wird gebaut – »Next Evolution in Sustainable Building Technology« Gebäude stehen für lange Zeit und sind kaum für Experimente gemacht. Das schweizerische Materialforschunginstitut Empa (Eidgenössische Materialprüfungsanstalt) plant mit dem Forschungsprojekt „Nest“ einen neuen Ansatz für die Bauforschung. Allein das tragende Rückgrat dieses geplanten Forschungsgebäudes ist von Dauer – alle Räume, samt ihrer Fassaden, bleiben dagegen austauschbar. In den einzelnen Forschungsmodulen werden sich Raumkonzepte, Energiemanagement und Materialien der Zukunft ausprobieren lassen. „Nest“ ist das Kürzel für den englischen Begriff „Next Evolution in Sustainable Building Technology“. Es handelt sich um ein modulares Gebäude mit festem Kern („Backbone“) und austauschbaren Wohn- und Arbeitsbereichen – sogenannten „Units“. Es soll deutlich raschere Forschung und Entwicklung an Baustoffen, Dämmstoffen, Wohneinrichtungen und Energiemanagement erlauben als dies an herkömmlichen Gebäuden bisher möglich war. Im „Nest“ werden internationale Forscherteams aus Universitäten und Fachhochschulen, renommierte Architekturbüros und innovative Firmen aus der Baubranche zusammentreffen, um Wohnkonzepte der Zukunft zu erstellen, ihr Forschungsmodul ins „Nest“ einzubauen und die Ergebnisse gemeinsam auszuwerten. Umfassende Bauforschung Nicht nur Wohn- und Arbeitsformen sollen im „Nest“ erforscht werden, sondern auch Energieflüsse und Versorgungstechnik der Häuser von morgen. Die Forschungsmodule werden vom Backbone aus mit Wasser, Wärme, Elektrizität und Informationsmedien (Internet) versorgt. Im Backbone werden die Nutzungsdaten der einzelnen Module aufgezeichnet und ausgewertet. Das „Nest“ soll als Wohnhaus und Büro-/Konferenzgebäude dienen – alle Module werden also im Alltag getestet und von echten Nutzern evaluiert. Der Energiebedarf jedes Moduls lässt sich einzeln erfassen und auswerten. Nach dem Ende eines Forschungsprojekts wird das entsprechende Modul entfernt und durch ein neues Forschungsobjekt ersetzt. Das Baukonzept für „Nest“ Der Bau des Backbone, des Grundgebäudes also, wird auf dem Gelände der Empa in Dübendorf bei Zürich errichtet und soll voraussichtlich im Frühjahr 2015 in Betrieb gehen. Das architektonische Konzept stammt von Gramazio & Kohler Architekten, Zürich. Sie umschreiben den Bau wie folgt: „Nest ist als vertikale Stapelung von Bauparzellen konzipiert, die um einen zentralen Atrium- und Erschließungskern angeordnet sind. Auf ihnen können voneinander unabhängige, ein- bis zweigeschossige, experimentelle Bauten errichtet werden. Diese experimentellen Wohn- und Büroflächen werden über das zentrale Atrium, welches auch als Begegnungsraum für die Bewohner dient, erschlossen.“ Zum permanenten Teil des Bauwerkes gehört, nebst dem Atrium, auch das Erdgeschoss. Hier befinden sich Foyer-, Lounge- und Ausstellungsflächen sowie Sitzungs- und Vortragsräume. Im Untergeschoss befinden sich großzügig dimensionierte Technikräume und auf dem Dach können die für bautechnologische Experimente nötigen technischen Apparate sowie Sonnenkollektoren installiert werden. Einen wesentlichen konzeptionellen Das modulare Gebäude mit festem Kern und austauschbaren Wohn- und Arbeitsbereichen soll deutlich raschere Forschung und Entwicklung an Baustoffen, Dämmstoffen, Wohneinrichtungen und Energiemanagement erlauben als dies an herkömmlichen Gebäuden bisher möglich war Bild: Empa, Dübendorf Bestandteil des Entwurfes bilden die großzügig ausgelegten Schächte zur vertikalen und horizontalen Medienerschließung. Diese führen die konventionellen Medien (Frischwasser, Abwasser, Luft, Strom, usw.) zu den Parzellen und von diesen wieder weg. Zusätzlich werden sie aus strategischen Gründen überdimensioniert und garantieren somit längerfristig eine unkomplizierte Nachrüstung mit zukünftig benötigten Medienleitungen. Strukturell besteht das Gebäude aus zwei statisch unabhängigen Teilsystemen, welche sich im Erdbebenfall gegenseitig aussteifen. Die äußere Stahlbetonstruktur, welche die auskragenden Decken trägt, ist von der inneren Atrium- und Treppenstruktur entkoppelt und von dieser durch eine durchgehende Dämmschicht getrennt.“ „Nest“ beschleunigt den Innovationsprozess Die experimentellen Wohn- und Arbeitsbereiche sind thematisch ausgerichtet, um gezielte Entwicklungsschwerpunkte zu setzen und Ideenwettbewerbe zu lancieren. Derzeit vorgesehen sind folgende Themenschwerpunkte, die jeweils den aktuellen Problemstellungen angepasst werden können: ◆ Leichtbauweise – Flexibilität und Ressourcenschonung ◆ Modulares Bauen – Kompaktes Bauen für urbane Verdichtung ◆ Glasarchitektur – Glas als Zukunftsbaustoff, intelligent eingesetzt ◆ Natürliches Bauen – Nachhaltige Lebensqualität mit natürlichen Ressourcen ◆ Digitales Wohnen – Intelligente Technik für zukünftige Generationen ◆ Büro der Zukunft – Zukünftiges Arbeitsumfeld für kreatives und vernetztes Arbeiten ◆ Solares, Fitness, Wellness – Gesundheit und Erholung ohne Energieverbrauch Diese Themen werden international ausgeschrieben und mit den innovativsten Design-Teams realisiert. Vier Forschungs und Innovationsunits sind zurzeit bereits in Planung: ◆ City Lifting – Konzept zur modularen Aufstockung bestehender Bauten ◆ Hi Lo – Eine zweigeschossige Wohneinheit in Leichtbauweise ◆ Meet 2 Create – Ein neuartiges Konzept für Arbeitsräume ◆ Natural Living – Eine Wohneinheit in natürlicher Bauweise „Natural Living“ – Natürlich wohnen mit Holz Die erste „Nest“-Wohneinheit in natürlicher Bauweise wird durch die Abteilung Angewandte Holzforschung der Empa entwickelt. Das „Nest“-Holzmodul steht für ein visionäres und nachhaltiges Wohnkonzept, welches vornehmlich auf der innovativen Anwendung der nachwachsenden Ressource Holz basiert und durch die Entwicklung, Produktion und Nutzung holzbasierter Materialien ökologisches Wohnen mit zukunftsweisender Funktionalität und ansprechendem Design verbindet. Das Projekt basiert sowohl auf den neuesten Entwicklungen in der Holzforschung wie auch auf dem Knowhow des modernen Holzbaus. Es umfasst holzbasierte Materialien mit verbesserten Eigenschaften im Vergleich zum State of the Art und neuartige Funktionsmaterialien für ein erweitertes Anwendungsspektrum des Holzes. „Natural Living“ will zeigen, dass sich ökologisches Bauen und modernes Wohnen nicht gegenseitig ausschließen und sich zukunftsweisende Technik und Materialnutzung auch mit dem altbewährten Werkstoff Holz umsetzen lassen. Das Holzmodul verbindet Wohnkomfort mit Nachhaltigkeit, Energieeffizienz sowie ansprechendem Design und soll so zu einer Quelle der Inspiration in einer sich wandelnden Gesellschaft werden. „Natural Living“ arbeitet unter anderem an folgenden holzbasierten Materialien: Bio-Panels für optimierte Geräuschunterdrückung, Enzym-behandelte Boards für Isolationen, Zellulose- Aerogele für Isolation und CO2-Bindung, verbesserter Wetterschutz, wassserabstoßende Oberflächen, feuerfeste Möbel und Beschichtungen. Das Projekt „Natural Living“ wird modular von der Hülle bis zu den Möbeln angegangen. Dabei stehen die holzbasierten Innovationen aus der Empa-Holzabteilung im Vordergrund. Dazu gehören auch innovative Ansätze für die Holzkonstruktion. Das Modul befindet sich im zweiten Obergeschoss von „Nest“, deshalb kann nicht wie bei modularer Bauweise üblich von oben gebaut werden, die Module sind von der Seite einzufahren. Grob skizziert charakterisiert sich das Projekt Natural Living wie folgt: Es handelt sich um ein Gästehaus mit drei Wohneinheiten für Doktoranden. Verwendet wird Schweizer Holz (wenn möglich, in der Konstruktion mit Buche). Das Modul wird in Minergie-P-Bauweise erstellt. Im Vordergrund stehen die Materialinnovationen wie hydrophobes Holz, magnetisches Holz, elektrisch leitfähiges Holz, pilzmodifizierte Schallabsorptionsplatten, neuartige zellulose oder faserbasierte Isolationsmaterialien, neuartige Dichtstoffe, feuchtregulierte bewegliche Holzstrukturen, neuartige Anstrichsysteme für Holz, biologisch abbaubare Matratzen die gleichzeitig dem Brandschutz dienen, usw. Das Modul soll gemäß Planung in 2015 fertiggestellt werden. Zuständig für die wissenschaftliche Planung dieses Projekts sind von der Empa-Abteilung „Angewandte Holzforschung“ Dr. Tanja Zimmermann, und Walter Risi, beide in Dübendorf. Am Bauprojekt „Natural Living“ beteiligt sind: Renggli AG Modulbau (Max Renggli), Sursee; ruum GmbH Architekturbüro (Simone Petrelli), Langendorf; Glaeser Wogg AG, Innendesign, Baden- Dättwil. Charles von Büren, Bern „Vision Holz“ nennt sich ein Gästehaus, das in die Struktur von „Nest“ eingefügt werden soll. Gezeigt ist hier die erste konzeptionelle Grundrissskizze. Mit dem Standard Minergie P geplanten Modul untersucht man Materialinnovationen wie hydrophobes Holz, magnetisches Holz, elektrisch leitfähiges Holz, pilzmodifizierte Schallabsorptionsplatten, neuartige zellulose- oder faserbasierte Isolationsmaterialien, neuartige Dichtstoffe, feuchtregulierte bewegliche Holzstrukturen, neuartige Anstrichsysteme für Holz, biologisch abbaubare Matratzen die gleichzeitig dem Brandschutz dienen. Bild: Empa, Abt. für angewandte Holzforschung, Dübendorf INFOBOX Zweck von „Nest“ „Das Haus neu erfinden: Etwa die Hälfte des Energiebedarfs der Schweiz wird durch Gebäude verursacht, und jedes Jahr werden zehn Tonnen Baumaterialien pro Person verbaut. Wollen wir weniger fossile Energie importieren und den Rohstoffverbrauch senken, dann müssen wir neuartige Gebäude entwickeln und in der Praxis erproben. Die Empa- Forschungsplattform „Nest“ ist genau dazu da,“ so Peter Richner, stellvertretender Direktor der Empa.


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