Page 28

HZ_40_2014

Seite 976 · Nummer 40 · Holz-Zentralblatt Holzfertigbau Donnerstag, 2. Oktober 2014 Sozialer Wohnungsbau in Holzbauweise Mit Schweizer Fachwissen Brandschutzauflagen erfüllt – Höhenbeschränkung aufgehoben: vier mal neun Stockwerke in Holz Vier Hochhäuser mit je neun Geschossen, über 120 Wohnungen und ein umfassendes soziales Konzept, gebaut aus Holz – das ist die Überbauung an der Via Cenni in Mailand. Das Bauprojekt wurde durch Firmen aus Italien, Österreich und der Schweiz realisiert. Die anspruchsvolle Planung der Tragstruktur für diesen Holzbau verantwortete der Schweizer Ingenieur Andrea Bernasconi. Architekt Fabrizio Rossi Prodi aus Florenz überzeugte die Fachjury mit seinem Wettbewerbsprojekt für eine Überbauung an der Via Cenni im Westen der lombardischen Metropole Mailand. Er projektierte nicht einfach vier Hochhäuser, sondern stellte fest, dass an diesem Ort die neue Überbauung sozial zum Funktionieren gebracht werden muss, eingebunden in die Umgebung und selber zum Brennpunkt für einen sozialen Austausch werden muss. Von Beginn an erfolgte die Planung unter diesem Blickwinkel. Zudem wagten Bauherr und Architekt den Schritt, die ganze Baustruktur, also auch die Erschließung der Wohntürme, in Holz zu konstruieren. Über Sondergenehmigungen erreichten die beteiligten Planer, dass die bislang in Italien geltende Höhenbeschränkung für Holzbauten auf vier Stockwerke aufgehoben wurde. Das architektonisch und technisch überzeugende Konzept wies vor allem die Erdbebensicherheit nach und führt so zu diesem Liberalisierungsschritt. Der Schweizer Ingenieur Andrea Bernasconi, Mitinhaber des Büros Borlini & Zanini SA Lugano/Mendrisio), hat dabei mit seinem Fachwissen wesentlich zur geglückten Realisierung beigetragen. Das Projekt Via Cenni in Mailand ist durch drei Faktoren von Interesse für die Fachwelt: Es ist mit über 120 Wohneinheiten in vier neungeschossigen Wohntürmen ungewöhnlich groß, es ist konsequent allein mit Brettsperrholz konstruiert und es ist einem umfassenden sozialen Konzept unterstellt. Die Überbauung ist zu einem europäischen Vorzeigeprojekt des heutigen Holzbaus geworden. Im Januar 2012 begannen die Arbeiten am Aushub und den Fundamenten. Der Holzbau wurde ab Juli 2012 innert sieben Monaten fertiggestellt, und im Spätherbst 2013 waren die Wohnungen fertig ausgebaut und bezogen. Kein Abenteuer, sondern klares Kalkül Der Bauherr – Polaris Investment, Mailand – prüfte vor der Ausführung unterschiedliche Bausysteme und zwar unabhängig vom Baustoff, sowohl bezüglich Wohn-, Technologie- und Energiestandards wie auch bezüglich Erstellungs und Betriebskosten. So etwa liegen die Wohnheizkosten bei diesem Projekt weit tiefer als der italienische Durchschnitt, nämlich rund bei einem Drittel bis einem Viertel des Üblichen. Die bestens wärmegedämmten Massivholzwände und die moderne Haustechnik sind der Grund dafür. Reiner Holzbau Mehrgeschossige Holzbauten dieser Größenordnung wurden aus Brandschutzgründen bislang mit Treppenhäusern aus Stahlbeton erstellt. Beim Projekt in Mailand ist das anders: oberhalb der Fundamente aus Beton ist alleine Massivholz eingesetzt. Das gilt auch für die Treppenhäuser und Liftschächte, also alles aus Holz und keine Bauteile aus Beton oder Stahl. Die Mailänder Brandschutzbehörden haben sich davon überzeugen lassen, dass die geltenden Brandschutzvorschriften auch mit Holz einzuhalten sind. Und die hier realisierten Bauten erfüllen zudem auch die Vorschriften der Erdbebensicherheit. Für die gesamte Anlage wurden rund 6 100 m³ Brettsperrholz (Cross Laminated Timber/CLT) verbaut. Die in Italien vorwiegend unter dem Begriff „XLAM“ bekannten Massivholzelemente für Wände, Decken und Dach lieferte Stora Enso aus Österreich. Abbund und Montage der Elemente verantwortete das Holzbauunternehmen Service Legno aus dem norditalienischen Spresiano. Umfassender Brandschutz Sämtliche tragenden Teile sowie die Brandabschnitte bildenden Wände und Decken erfüllen die Forderung nach 60 Minuten Brandwiderstand (R 60, bzw. EI 60 oder REI 60). Die Brandvorschriften in Italien kennen keinen Sonderfall Holz, betonte Andrea Bernasconi. Die der Feuerwehr direkt verbundene Feuerpolizei sorgt für das strikte Einhalten der Vorschriften. REI 60 ist im vorliegenden Fall durch die doppelte Beplankung (2 ×12,5 mm) mit Gipsplatten gesichert. Dazu kommen eine 4 cm messende Installationsschicht und eine zusätzliche Gipsplatte als Abschluss. Das wäre technisch auch mit einer Installationsschicht unter der Doppelbeplankung möglich gewesen, doch hat die Bauherrschaft die andere Lösung bevorzugt, weil die Nutzer der Wohnung beim Aufhängen von Bildern oder anderen mechanischen Eingriffen in die Beplankung so die Brandschutzschicht nicht verletzen können. Pragmatisch gelöste technische Details Die Tragstruktur ist derart angelegt, dass die Lasten über Außenwände und innen liegende Tragwände abgetragen werden. Dies lässt Freiheiten beim Ausbau. Nichttragende Trennwände können so bei späteren Umnutzungen weggelassen oder versetzt werden. Die Geschossdecken mit CLT-Elementen überbrücken bis 6,7 m freitragend, zusammen mit den Auskragungen für Balkone ergibt dies Gesamtlängen von bis zu 8,50 m. Die Dicke dieser Deckenplatten variiert je nach Spannweite zwischen 20 und 23 cm. Ähnlich bemessen sind die tragenden Innenwände. Im Erdgeschoss sind sie 20 cm stark, nach oben reduziert sich dieses Maß auf bis zu 12 cm. Die Außenwände weisen einen Vollwärmeschutz auf, die nichttragenden Trennwände bestehen aus Gipskarton. Einer der vier Wohntürme während der Bauzeit. Die Montage der großflächigen vorgefertigten Elemente erfolgte innerhalb von nur sieben Monaten Mit Gipskartonplatten sind auch die abgehängten Decken konstruiert. Die senkrechten haustechnischen Installationen verlaufen in eigens eingeplanten Hohlräumen der Zwischenwände. So wird ausreichende Brandsicherheit erreicht und werden Schallbrücken vermieden. Außen sind die Fassaden mit Styropor gedämmt (120 bis 140 mm) und darauf angebracht ist ein Verputz. Dies hätte auch anders gelöst werden können, aber es ist eine kostengünstige Verkleidung die ihren Dienst tut, eine pragmatische Lösung wie eben Vieles an diesem Bau, der letztlich vor allem bezahlbare Wohnungen bieten soll. Raum und Strukturen für das Sozialleben Die gesamte Anlage untersteht dem Slogan „Raum zum Wachsen“. Ein umfassendes und vielfältiges Angebot bietet nicht nur den Bewohnern sondern auch den Anwohnern im Quartier zahlreiche Möglichkeiten. Ein 1000 m² großer Innenpark zwischen den Häusern macht dieses soziale Anliegen sichtbar. Dazu gehören gemeinsam zu nutzende Aufenthaltsräume, eine Wäscherei, eine Werkstätte, Gewächshäuser und Anlagen für Gemüsezucht und Heilpflanzen. Ein auf dem Areal gelegenes altes Bauernhaus blieb erhalten und wird nun gemeinschaftlich renoviert. Da die Wohnungen nach den Vorstellungen der Bauträger vor allem für junge Familien und Singles gedacht sind, dürften die so eingeplanten gemeinschaftlichen Tätigkeiten der Siedlung und seinen Bewohnern nach und nach ein eigenes Gesicht und einen eigenen Charakter verleihen. Dazu passt gut die öffentlich ausgeschriebene Möglichkeit, in fünf eigens reservierten Wohnungen Zimmer für jeweils zwei Jahre zu moderaten Preisen (230 bis 350 Euro monatlich) an Studierende zu vergeben (www.fondazionedaronlus. com). Wenn man weiß, dass in Mailand Studierende rund 350 bis 550 Euros für ein Zimmer aufwenden müssen, dann ist dies ein sicher kluges soziales Engagement das bestens zu den Absichten der Bauträger passt. Charles von Büren, Bern Die vier Wohntürme sind im Sockel mit zweigeschossigen, horizontalen Bauten verbunden, die einen gemeinschaftlich genutzten Innenpark umschließen. Die architektonische Gestaltung entspricht einem urbanen Anspruch und gibt der Anlage ein unverwechselbares Gesicht Fotos: Ingenieurbüro Borlini & Zanini SA, Lugano (Schweiz) Innenansicht einer der vollständig mit Brettschichtholz konstruierten Wohnungen. Rohbau, kurz vor der Verkleidung mit Gipsplatten „VIA CENNI“ Daten und Fakten zum Projekt Standort: Via Cenni, Mailand Bauherr: Polaris Investments, Mailand Generalunternehmer: Carron Cav. Angelo SpA, San Zenone degli Ezzelini (TV) Holzbau-Unternehmen: Service Legno, Treviso, Architekt: Prof. Fabrizio Rossi- Prodi, Universität Florenz, Holzbau-Tragstruktur: Prof. Dr. Andrea Bernasconi, Ingenieurbüro Borlini & Zanini SA, Lugano, Tragkonstruktion: Brettsperrholz (inkl. Treppenhaus), Stahlbeton (Kellergeschoss) Bauzeit: Januar 2012 bis Oktober 2013 Januar 2012: Beginn Aushub und Fundamente Juli 2012: Beginn Holzbau Januar 2013: Ende Holzbau Oktober 2013: Alle Einwohner sind eingezogen


HZ_40_2014
To see the actual publication please follow the link above